Montag, 25. Juni 2012



Zwölftens - Krishna in Vrindāvana -

das Göttliche der Liebe






Eine bunte Pfauenfeder, wie Krishna sie
an seiner Stirn trägt


Ein leichtes Knacken und Knistern ist unter meinen Füßen, sehr leise ist es sonst hier im Wald — nein ich nenne es richtiger ein dürres Gehölz. Ja, Bäume stehen hier, aber die meisten sind trocken, leere graue Stämme, es gibt fast kein trockenes Laub, nicht einmal Unterholz, keine Kräuter, Gräser, keine Moose oder Flechten auf den Rinden.


Woher aber kam denn das Knacken und Knirschen? Der ganze Waldboden liegt voll mit Plastik-Tüten und -Folien. Sie sind auch ausgetrocknet, obwohl in vielen noch Reste sind, Essen vielleicht. Ein paar Ameisen laufen da rein und raus – mehr Leben ist hier nicht.


Als ich hier vor 30 Jahren vorbeikam sagte mir ein Einheimischer, „dieses ist Shri Krishna´s Dschungel, hier hat er mit den Tieren gespielt. Doch nun  ist nicht mehr viel da.“ Doch ein paar Minuten später kreuzte ein Rudel großer Antilopen die Straße, „die habe ich noch nie hier gesehen. Vielleicht sind sie gekommen, weil du hier bist, kann das wohl sein?“


Damals hatte dieser Wald noch was Lebendiges, in der Regenzeit grünte es. Selbst ein paar Vögel haben gesungen. „Vor 5ooo Jahren lebte Sri Krishna hier, da war es ein Dschungel,“ sagt mein Begleiter, der sich in den Hindu-Geschichten auskennt. „Sri Krischna war doch der König der Kuhhirten, der Gopas und Gopis. Alles muß sehr grün gewesen sein, grün und feucht, und kleine Blutegel krochen im Gras und suchten nach aussaugbarer Beute – Mensch oder Tier.“


Traurig war er, Gopinathan war sein Name, traurig, weil er seinem geliebten Krishna nicht selbst begegnet ist, weil sogar der Dschungel von damals fehlte. Wenn er vorausgesehen hätte, wie es dreißig Jahre später sein würde . . . Genau genommen – mit den kritischen Augen der Ökologen gesehen – ist hier jetzt Steppe mit ein paar Baumleichen. In der Nähe fährt nun eine Regionalbahn, die Delhi mit den umgebenden Städten verbindet, sie rattelt und knirscht, es soll schon einige Unfälle gegeben haben: ganze Züge sind einfach umgefallen. Auf den kleinen Bahnhöfen können die Gäste sich ausruhen und etwas essen oder trinken – doch von den berühmten Samozas der früheren Jahre finde ich nichts mehr. Nur fast food mit leicht indischem touch.


Viele Menschen leben auf den Bahnhöfen, zwischen den seltener benutzten Nebengleisen. Die, denen es etwas besser geht, schlafen nachts unter einem Vordach der Halle. Doch innen wacht eine private Bahnpolizei in schwarzen Anzügen, bewaffnet mit Schlagstöcken und auch mit Pistolen.


Ich fragte einige, wo sie eigentlich herkämen, was ihr Beruf, ihre Kaste, ihre Religionszugehörigkeit sei. Hier auf den Bahnhöfen bekomme ich selten eine Antwort außer bösem Gegrummel — an anderen Stellen in diesem Land sind das gängige Fragen zum Beginn eines Gespräches. Einige, die ich anspreche, sind aber Bauern und haben ihr Land verloren — es ist zu Wüste geworden, oder die Regierung hat einen Staudamm oder eine Autobahn gebaut durch den Ort und über die Äcker ihres früheren Lebens. Oder ein großer Industriekonzern hat das Gebiet ihres Volkes einfach aufgegraben und Bodenschätze entnommen — alles ohne sich um die ehemaligen Bewohner zu kümmern, die nun auf der Straße bettelnd umherziehen. Glücklich, wer am Autobahnbau mit arbeiten darf für etwas Geld für die Ernährung der Kinder, glücklich, wer für die Nächte eine Eisenbahn-Anlage findet oder einen Busbahnhof. Die Höfe in dieser Gegend sind überfüllt von den Umherziehenden, von den Heimatlosen, den Armen, Kranken, Bettlern — doch was gibt es denn zu betteln, wer hat was?


Wie gesagt, es war mal anders, ganz anders. Lange vor meinem jetzigen Leben. Früher? In einem früheren Leben? Gab es das mal? Ich versuche, mich zu erinnern. In jenem vertrockneten Dschungel finde ich ein weniger knistriges Plätzchen, wo ich mich hinhocke, unter einen der letzten grünen Büsche, etwas Schatten! Es ist nun so still, daß aus meinen Gedanken-Tiefen Bilder auftauchen, ja, und Laute, erst leise, dann etwas lauter werdend. Erinnerungen, eine alte Reise durch dieses Land Bharat, wie sie Indien damals nannten.




Die Sonne zeigt´s mir, senkrecht strahlt sie von oben – Sommer, Mittag – eigentlich sollte ich einen Schatten suchen und warten bis sie sich etwas zur Seite geneigt hat, horizontwärts. Es treibt mich aber, die nächste Stadt zu erreichen, Vrindāvana. Ich gehe weiter. Meine heißesten Tage hier . . .

Ich versuche, schnell zu gehen, aber so viel Schweiß . . . Da liegt ein großes Blatt, verdorrt aber noch ganz. Ich lege es mir auf den Kopf, na ja, etwas Schatten . . . Hier ist es wirklich heiß, in Uttar Pradesh im Norden Bharat´s. Wie alle hier habe ich mir ein langes, kariertes Tuch um die Hüften gewickelt, dessen verlängertes Ende über meinen Oberkörper hängt. Wenigstens kein Sonnenbrand. Mehr Kleidung wäre tödlich, denke ich.

Vrindāvana - Krishna, Radha, die Gottheiten, die die Menschen hier lieben. Bhakti, die Liebe zu Gott, zu Krishna. Gehe ich tiefer: Liebe zu Vishnu, der weit entfernte und fremde Gott, doch – eben – Gott!

Das Land ist flach, nur am Horizont ein paar Hügel im Mittagsdunst. Die Erde ist trocken und braun und staubig. Ab und zu steht da ein Baum, einige Geier sitzen faul auf der Erde. Einer schüttelt rasselnd sein Gefieder und hüllt sich in eine Staubwolke. Sonst nichts, trockene Äcker. Trockenzeit. Die Straße ist noch staubiger, sie besteht aus zermahlenem Staub – doch wer zermahlt sie? Ich sehe keine Reisenden, keine Ochsenkarren. Die Straße ist leer, obwohl der Hauptweg von Mathura nach Vrindāvana. Ja, es ist Mittag und brennend heiß. Da geht niemand freiwillig auf die Straße – außer vielleicht ein närrischer Pilger aus dem fernen Westen, wie ich. Mir scheint, ich müsste nur ein paar trockene Blätter zsammenlegen, und die Sonne würde sie entzünden. Es ist so heiß, daß sich die Eidechsen in die Schatten der Lagerfeuer flüchten würden, nur weg von der Sonne – habe ich mal gehört.

Der Weg führt durch einen Wald, ich denke an Schatten. Doch ich will ja heute noch in Vrindāvana ankommen. Grüne Bäume, grüne Blätter, Kräuter, Moos wo es feucht ist, Flechten an den Baumrinden. Ein paar bunte Vögelchen und Schmetterlinge, Blumen liefern ihnen Nahrung, scheint es.


 Die Nilgai

Da: aus dem Wald kommt eine Gruppe von Tieren, groß wie Pferde, die erwachsenen Bullen mit kleinen Hörnern, ganz gemächlich, sehen umher und queren die Straße. Ich mag nicht näher gehen um sie nicht zu ängstigen, doch sie bleiben stehen und sehen zu mir, als ob sie mich erwarten. Ich gehe sanft näher, und sie beschnuppern mich und lecken ein wenig an mir, an meinem Gesicht, das ist ihre Art zu Streicheln. Ich streichele mit den Händen zurück und erfreue mich an dem weichen Fell. Streichele die Nasen und Hälse und Flanken, die Stellen, an denen sie einander auch streicheln, lecken. Sie werden Nilgai genannt, es heißt, daß Krishna sie geliebt habe und zeitweise mit ihnen lebte. Und mir wurde später gesagt, daß ihr Erscheinen eine große Gnade gewesen sei. Vielleicht eine zustimmende Botschaft von Krishna. Eine Einladung.

Ja, Krishna, der Gott dieser Leute, der Hirten-Gott liebte alle Tiere, und die Tiere lieben ihn, und wenn ein Mensch kommt, so allein wie ich, dann mögen sie denken, da kommt ihr Gott, der Krishna. Und wenn es zwei Menschen sind, denken sie vielleicht, da kommt Radha mit, die Geliebte von Krishna. Und sie kommen heran und begrüßen sie. - Wir bleiben eine Weile zusammen, doch wie ein paar Kamele mit ihren Bauern kommen, ziehen sie sich langsam in den Wald zurück, das wäre ihnen zu viel, denke ich.

Nirgendwo im Land habe ich Tiere so vertraut gesehen wie diese Nilgai – ein Erbe von Krishna´s Wirken. Die Kamele gehen weiter. Da kommt allein eine Frau in weiten, blauen Tüchern, trägt einen kleinen Korb auf dem Kopf, sie sagt zu mir „Hare Krishna!“ und ich grüße ebenso zurück. Wir gehen zusammen weiter. Sie geht hinter mir, so ist es die Sitte hier, der Mann beschützt die Frau indem er den Weg frei hält, Gefahren aus dem Weg räumt. Doch die Liebe bleibt groß.

In der Ferne sehen wir die Kuppeln von Vrindvāvana, Tempel-Kuppeln. Und Türme: Eine Gruppe von Menschen in orange Gewändern kommt entgegen, trotz der Hitze tanzen sie fröhlich und singen, „Hare Krishna, Krishna, Krishna ...“ Die Frau hinter mir singt mit und geht nun neben mir, eilt in fliegenden Tüchern voraus und fällt einem großen, besonders schönen Mann in der Gruppe zu Füßen und küsst den Saum seines gold-gelben Gewandes. Und streicht den Staub von seinen Füßen. Sie kommt zurück, „Chaitanya, Chaitanya ist das,“ sagt sie in Begeisterung, „Chaitanya, der Bote Krishna´s“.


Chaitanya ist sehr hellhäutig, ungewöhnlich hier in diesem Land. Er ist geschmückt mit Girlanden von Blumen. Die Girlanden duften, auch bis zu mir in einiger Entfernung. Chaitanya singt, und die anderen begleiten ihn durch Summen oder Refrains. Dabei tanzen sie immer fröhlich und heben ihre Hände, „Krishna, Krishna, Hare . . .“ sind ihre gesungenen Worte.

Unter einem Baum, der die Straße überschattet, bleiben sie stehen. Aus dem Baum fallen rote Blütenblätter auf den Mann und die ganze Gruppe. Ein Koel-Kuckuck ruft seine Melodie zum Gruß. Und wie er sich schüttelt, fallen noch mehr Blätter. Ein Maina-Vogel ruft „Hare Krishna, Krishna“.

Sie nehmen mich in ihren Kreis und kehren um nach Vrindāvana. Die ganze Zeit singen sie ihr Mantra, „Hare Krishna, Hare Rama“. Diese Menschen strömen trotz der Hitze einen wunderbaren Duft aus, Sandel weiß ich. Sie tragen in mit Stoff umwickelten Flaschen kühle Obstsäfte, von denen sie mir im gläsernen Becher einschenken.

„Die Nilgai, die dir begegnet sind, sie sind die Nachfahren der Nilgai, die um Krishna lebten als Er hier wandelte. Es ist ein großes Wunder, wie sie dich begrüßt haben, wo du ihnen doch fremd sein mußt – Reisender von weit her. Das ist ein Zeichen, daß du hier willkommen bist. Und so nehmen wir dich in unsere Mitte, und du begleitest uns zu unserem Tempel.“

Chaitanya nimmt mich in seine Arme und tanzt mit mir – „zu Ehren von Krishna, ich sehe, du bist ein Bhakta, ein Liebhaber Krishnas,“ singt er.

Nun stehen am Wege einige Schreine, so hoch wie ein Mensch, und in den Schreinen stehen kleine, bunte Figuren, „die Gopis, die Hirten, und ihre Kuhherden“ sagt jemand. An jedem Schrein machen wir eine Pause und singen ein Lied zu Ehren der Frauen und Männer, der Hirten, der Gopis, die seinerzeit Krishna´s Leben begleiteten. Im letzten hängt ein Bild, das ich euch hier zeige, wie es jemand für diesen Bericht abgemalt hat.


 Krishna und Radha

Ihr seht, wie Krishna mit Seiner liebsten Gopi Radha unter einem blühenden Baum sitzt. Die Haut von Krishna ist blau, und Er trägt nur ein gold-gelbes Tuch um die Hüften. Auf Seinem Kopf ein goldener Turban, darin steckt eine Pfauenfeder. Radha sieht verehrend zu Ihm auf. Einem gewöhnlichen Menschen ist es vergönnt, sich der Gottheit so intim zu nähern – da ist gewiß Verehrung.

Radha ist in blaue Kleider gehüllt – ist Blau die Farbe der Gottesverehrung?

Chaitanya wendet sich wieder um und hakt ein Mädchen und einen Knaben ein, tanzt mit ihnen weiter die Straße entlang. Verliebt schauen sie hinauf in sein schönes Gesicht. Wirklich, ich habe nie einem so schönen Menschen in die Augen gesehen. Schwarze Augen in hellbraunem Gesicht, lange schwarze Haare wehen – im tanzenden Gang die Straßen entlang, geschmückt mit einer Pfauenfeder über der Stirn. Chaitanya´s Gesicht ist glatt wie das eines Jünglings, ein dunkler Flaum auf der Oberlippe, es ist kaum  zu sehen, ob ich nicht einer Frau in die Augen sehe, doch die Haltung, der kräftige Gang, seine singend-tiefe Stimme, zeigen mir, hier ist ein Mann von großer Schönheit. Ich möchte ihn malen können, doch das ginge weit über mein Können.

Die Frau, der ich schon vorher begegnet war, kommt wieder zu mir und sieht nun in meine Augen, „du hast ja blaue Augen, habe ich noch nie gesehen, wie wundervoll! Und wie selten.“ Anita hat dunkle Haut, ihr Gesicht glänzt in dunkler Bräune. Mit den Händen umfasst sie mein Gesicht – und nach langem Zögern und Spüren küsst sie mich mit ihren braunen Lippen, erst auf die Wangen, dann auf meine Lippen – „oh, und deine Lippen sind ja rosa!“ –, dann auf meine Augen. Anita´s Augen sind gelblich, auch selten, mit einem schmalen, dunklen Ring um das Gelb. Sie glänzen als ob Tränen geflossen sind. Ihre Lippen sind etwas dunkler als die Haut.

Unsere Lippen bleiben aufeinander, wie die anderen herankommen und uns freudig ansehen – „Gott Krishna hat euch gesegnet – ein so schöner Kuss, ein so schönes Paar dieser Augenblicke!“ Für kurze Momente mache ich meine Augen auf und sehe den Schwarm um uns, und sehe voller Liebe in Anita´s Bernstein-Augen. Nach wenigen Küssen, und nach wenigem zustimmendem Summen der anderen lasse ich mich so tief hineinsinken in die Liebe . . . versinke in eine Tiefe, in der keine Empfindungen mehr sind, auch keine Dunkelheit, kein Licht, einfach ohne irgend etwas wie Licht. Ist das Gott? Ist das Shiva, der Herr über alles, auch über meine Gefühle, auch über das Ganze meiner Liebe? Herr über meinen Körper, in dem ich nun nur noch das Eine fühle.

Anita ist die Botin des Gottes, die Botin des Gottes, den sie Vishnu nennen, und der uns als Krishna erschienen ist, und ich (als Mann) bin immer wieder angezogen von dieser Mensch-Form, die sich äußert als die weibliche Form. Die schönste Form des Mensch-Seins. Verliere mich in  dieses Weibliche. Ich sehe es in jeder Frau, jedem Kind, auch in den Pfauen neben der Straße, ja in den großen Augen der Kamele mit ihren sensiblen Wimpern.

Liebe, Liebe, das ist so viel, das ist die ganze Göttlichkeit. Chaitanya spricht dazu,
„Krishna sagt, selbst wenn ich mit den süßesten
Engelzungen reden würde,
und bestünde nicht aus lauter Liebe,
wäre ich nichts als eine Glocke aus tönendem Erz
oder eine leer klingende Schelle.
Und sogar wenn ich alle Geheimnisse und
alle Erkenntnis wüsste, selbst wenn ich Berge versetzen könnte,
und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.
Ich dein Gott, den ihr Krishna nennt,
bin die Liebe und sonst nichts.“


Ich kenne dieses aus meiner Kindheit, zuhause hatte das unser Priester zitiert, er hat seinen Christus zitiert. Seinen Meister. Und nun sehe ich die Ähnlichkeit der Namen Christus und Krishna. Hier ist das göttliche Geheimnis. Für alle göttlichen Menschen ist Liebe die Allheit des Lebens. Wir Menschen sind Ausdruck der Liebe, sind die höchsten Geschöpfe der Gottheiten. Denn wir kennen die Liebe.
 
auf die Rückwand eines Schreins hatte vor langer Zeit
ein Bhakta dieses gemalt

Hier für dieses Land Bharat ist Vrindāvana der Platz, an dem sich die göttliche Liebe am dichtesten manifestiert hat. Hier sammeln sich die Wesen, die nach Liebe dürsten – so wie in Jerusalem die Liebes-durstigen des Westens.



Wir erreichen den Ashram dieser Krishna-Bhaktas, der Krishna-Geliebten, ein offenes Tor, umrandet mit bunten Frescen aus Blumen und Tieren, und oben als Schlußstein die Pfauenfeder. Aus dem Ashram, vom Altar höre ich das Singen der Mantras – „Hare Krishna, Hare Rama ...“. In Weiß gehüllte Priester bringen Prasadam – eine Ofpfergabe an die Gottheit – dar, und wie das Ritual beendet ist, bekommt jeder von uns ein klein wenig in ein Blatt gewickelt. „Eine Gabe Vishnu´s an dich.“ Tief dankbar nehme ich die Gabe an. Feierlich von beiden Händen umfasst, und setze mich damit unter einen Baum. Hier sind schon andere Bhaktas, führen die ins Blatt eingewickelte Gabe an die Stirn, an den Mund, an die Brust, dankbar sich selbst segnend mit der Gottesgabe. Mit der Gottes-Liebe, die sie Bhakti nennen.

Hier ist das Bild
vom Prasadam, der Opfergabe an den Gott der Liebe,
es war in zwei Blätter eingewickelt,
 doch nun liegt es auf den geöffneten Blättern
 auf dem Marmor-Boden vor Anita.

 Ihr seht eine köstlich gewürzte Süßpeise,
die wir genüßlich im Mund zergehen lassen.


Anita kommt mit einer gleichen Prasadam-Gabe und setzt sich mir gegenüber. Wir verbeugen uns voreinander, und sie gibt mir ihr Päckchen, ich gebe ihr meines. So tauschen wir diese Zeichen der Liebe. Andere Bhaktas scharen sich um uns und legen ihre Hände auf unsere Körper. Anita legt sich auf die Erde und zieht mich mit. Wir liegen dicht nebeneinander, und alle Hände liegen auf uns und in der Nähe.

Im Ashram wird nun musiziert, ein Saiten-Instrument, „die Vina“ sagt Anita. Später kommt eine Frau, die ihre Vina mitbringt und uns zeigt, alle dürfen sie mal berühren. „Sie ist mein Liebling,“ sagt die Spielerin, „ich liebe sie wie nichts anderes – natülich Krishna geht allen vor, er gibt mir die Musikalität. Doch sonst, mehr noch als mein Kind.“


Eine Vina-Spielerin - hinten ein Tempel von Khajuraho

Jemand bringt Süßigkeiten, ich nehme zwei Stücke und berühre damit Anita´s braune Lippen. Schließlich öffnet sie ihre Lippen und fasst das Stück vorsichtig und leckt daran. „Außer deinen rosa Lippen liebe ich dieses Halva, hm.“ Ein halbwüchsiger Knabe kommt und streichelt Anita´s Wangen und summt hell dazu, „er ist mein junger Liebling, er bekommt das zweite Stück Halva,“ und sie legt es ihm auf seine Lippen, das Spiel geht weiter. Anita nimmt meine linke Hand und legt sie auf die Kehle des Knaben, „fühle mal, wie du mal warst, auch so zart, oder? Eine so kleine Kehle, ja?“ sagt sie. Und es beginnt der Knabe wieder zu summen und zusammen mit der Vina ein kleines Lied zu singen. Meine Liebe wird auf eine neue Weise berührt, „ist das auch eine Gabe von Krishna?“ frage ich.

„Alles ist eine Gabe Krishna´s. – Für unsere Liebe schuf Krishna erst die Knaben, dann die Männer. Alles zur rechten Zeit.“

Die helle Stimme erinnert mich an meine Jugend: Erst als ich wirklich groß war, wechselte meine Stimme und der Bart kam, und mein Körper wurde breit und stark. Bis dahin hatte ich viel gesungen, hell gesungen, ich erinnere mich, und für die anderen Leute war das etwas Schönes – aber dann? Und die Mädchen hatten mir meine weichen Wangen gestreichelt und haben mir gezeigt, daß ich das genießen kann, doch später war es nicht mehr so.



Und nun erlebe ich hier einen Knaben, der ähnlich ist, das holt mir meine Jugend in die Erinnerung zurück. Ich liebe die hellen Stimmen der Kinder und Jünglinge, weil mich das an meine eigenen schönen Jugendzeiten erinnert, doch meine ist nun so tief, daß es mir ein wenig peinlich ist. In meinen Jahren während der Schulzeit und Ausbildung, bis ich wirklich groß und Mann war, lebte ich ein Knabenleben eigener Art. Ich hatte keine Zukunftsziele sondern habe einen gewissen Ratschlag befolgt: sei so wie du jetzt bist, sieh nicht auf eine Zukunft, von der du nichts wissen kannst. Genieße es wie du bist. Das wird irgendwann wieder vorüber sein, dann kommt Neues, aber jetzt . . .


Das habe ich auch wirklich befolgt, ich sah immer ganz bewußt auf das, was ist. Ich habe Dinge getan, die andere Knaben nicht so mochten – eben das Singen, auch Tanzen, und ich hatte viel Freude am Allein-Sein, lief viel in Büschen und Wäldern umher und kletterte auf Bäume und sprang in Teiche und Flüsse. Ich trug Kleidung, wie ich sie mochte, oder gar keine, richtete mich nie nach dem, was üblich war oder was ich sollte. Dadurch war ich für meine Familie nicht leicht zu ertragen, lebte nicht nach ihren Regeln.

Das alles erzähle ich in den nächsten Tagen, die ich hier im Ashram lebe, dem Knaben, den Anita in den Armen hält. Auch ich ließ mich damals von anderen Menschen in den Armen halten und lag mit ihnen auf den sonnigen Wiesen meiner Heimat (bei uns zuhause war es nie so brüllend heiß wie hier) und tanzte mit ihnen, und wir streichelten einander.

Hier in diesem Ashram ist ganz viel Liebe, Liebe in diesem Volk ist etwas viel Größeres als bei uns, sie nennen es karuna, das ist das Gefühl und Verstehen für alle Wesen, ob Menschen oder Tiere oder Pflanzen, ob sie gerade leben oder mal waren oder mal kommen werden.

Und dann ist da ein Mädchen, das legte sich auch in Anita´s Arme, und ich sah, sie ist so liebevoll und lebensfroh wie der Knabe. Daneben sitze ich nun und streichele über die drei und lasse mich schließlich auch streicheln – und Anita nimmt uns alle und geht mit uns zu Krishna´s Altar, und wir singen für Krishna Dankeslieder. Da ist ein großes Bild des Gottes, wie er eine Flöte spielt, und er sieht aus wie der Knabe, der mit uns kommt, sieht aus wie ein wunderschönes Mädchen, das von allen bewundert ist. „Krishna ist in allen Wesen,“ sagt Anita, „und nun siehst den Gott hier so, wie er für dich am schönsten ist. Und er ist auch ein großer Lehrer der Lebenskunst.“

Das Mädchen schlängelt sich um Anita, „bin ich auch so schön wie unser Krishna?“ „Ja,“ sagt eine andere Frau zu ihr, „ich liebe doch den Krishna wie er gerade für mich ist, wie ein reizendes junges Mädchen. Darum sehen alle Knaben doch wie Mädchen aus, damit wir unseren Gott so lieben wie er ist, wie es für uns schön ist.“ - Doch für die älteren Damen stellt Krishna sich als kleines Kind - „Balakrishna“ - dar:



Im Altar hängt ein weiteres Gemälde vom jungen Krishna wie er die Flöte spielt. Sieht er nicht so reizend wie ein Mädchen aus? „Ja, das ist es,“ sagt die Frau, „du ähnelst ihm so sehr, daß dich alle lieben.“ Das Mädchen wird ganz rot, und ein paar Tränen fließen auf ihr gelbes Kleid. Der Knabe umarmt sie und küsst ihren Mund und küsst liebend die Tränen von ihren Wangen, alle freuen sich über dieses schöne Bild der Liebe.


Knabe, den Krishna darstellend


Der Knabe aber bekommt die Aufgabe, den jungen Flöte spielenden Krishna darzustellen, nach diesem Bild. Ich will mal versuchen, seine Darstellung zu zeichnen.


Ein altes Lied

Hari Krishna
Hari Krishna
Hari Krishna

Laß mich
Dein demütiger
und ergebener
Diener sein.
Leite mich an
und führe mich,
daß ich Dein
liebender
Bhakta werde
- in Demut und
in bedingungsloser
Gefolgschaft

Hari Krishna
Hari Ram
Hari Krishna


In der Nische des Altars liegen ein paar gemalte Blätter:
Die schöne Radha

(will ich noch malen)





Krishna mit den Gopis


(will ich noch malen)

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Diese Geschichte spielt in der nord-indischen Stadt Vrindāvana und ist erfunden. Ich war mal dort und habe das Milieu, die Stimmung so erlebt. Krishna, der vierte Avatar (göttliche Incarnation) der Gottheit Vishnu, lebte in dieser Gegend. Seht bei Google für mehr Informationen. Chaitanya war ein Bote Krishna´s im späten Mittelalter. Aus seiner Tradition entstand vor ein paar Jahrzehnten die Bewegung International Society for Krishna Consciousness (ISKCON). Mehr Informationen bei Wikipedia. Aus Freude an dieser Bewegung und der religiösen Betonung der Liebe habe ich die Geschichte erfunden. Doch am Anfang drücke ich meine Sorgen um die von uns Menschen erzeugte Veränderung der Natur aus.

Meine Bleistift-Zeichnungen sind nach gefundenen Fotos. Danke den Fotografen.

Freitag, 30. Dezember 2011




Drittens - Frieda radelt mit Stefan in den Kaiserstuhl (1954)

Hommage an Wolfgang Schnetter, der mir Tuniberg und Kaiserstuhl vorstellte, auch das Badloch. - Gestorben ca 2008, fragt hier: webmaster@nabu-waldbrunn.de

 
Die gesamte Liste meiner Blogs ist hier:




 
„Bartloch?“ – „ach nein, Baaad-Loch! Da ist ein Bad.“ „Im Loch?“ „Warte, du wirst sehen“
 
Wieder lange Radfahrt, wir fahren nachmittags an der Jan de Weerth-Straße los. Durch die Stadt. Irgendwann kommen wir auf eine weite, flache Fläche, viele Gräben, hier stinkt es eklig. „Was ist hier denn?“ „Die Rieselfelder.“ „Und?“
 
„Hier werden unsere Abwässer gereinigt. Alle Abwässer der Stadt werden hier hingeleitet und in den Teichen gereinigt. Absetzbecken, dann Zersetzen der organischen Reste, dann ist es sauber, soll es sein, einigermaßen.“
 
„Sieh mal dort: ein Wespenbussard, hier wohnen immer mal welche dieser seltenen Vögel.“ Frieda holt ihr Fernglas raus. „Die brüten hier, dahinten am Waldrand, Mooswald. Sieh mal.“ Doch einer kreist über den Rieselfeldern, was er da wohl erjagt. Die Gräben sind schwarz, manche sind grün überwachsen.
 
Von der Stadt aus weiter: Umkirch, Gottenheim, Bötzingen, Ober-Schaffhausen, Vogelsang-Pass, Alt-Vogtsburg. Zuerst der Mundenhof, die Verwaltung der Rieselfelder. Störche, noch immer Gestank, doch die Störche finden hier gewiß reichlich Froschnahrung.
 
Weiter, nach Gottenheim, Bötzingen, und von dort über den Vogelsangpass fast in die Mitte des Kaiserstuhlgebirges – ein  kleines Gebirge, aber wert zu sehen – für Biostudenten. Der Pass geht durch eine Schlucht, hohe Lößwände zu beiden Seiten, oben an der Kante Gebüsch: Liguster und anderes. Irgendwo zeigt Frieda mir einen Seitenweg in diesen Lößschluchten: Lauter Löcher in der Wand in 2 m Höhe und viele Uferschwalben, die umherfliegen, raus und rein und verärgert über unseren Besuch. Sie brüten in der Wand, wie Frieda sagt, etwa 1 m tief haben sie ihre Löcher gegraben. Braune Schwalben. Verärgert? Das ist eine typisch menschliche Sichtweise ... „Was ist Ärger? Eine typisch menschliche und sehr künstliche Regung, die wir nicht wirklich nötig haben ...“ sagt Frieda. Ich habe schon gemerkt, daß Frieda sich nie ärgert.

 
Der Blick zurück von der Passhöhe auf den Schwarzwald und auf die Stadt. Voraus in ein Tal mit einem Dörfchen, ein Kirchlein, Vogtsburg. Im Dorf ein Brunnen – wieder ein Wunder. Frieda sagt, „halte mal mit deiner Hand das Brunnenrohr zu.“ Da ist ein langes, steinernes Becken, für Kühe und so zum Trinken, daneben eine quadratische Säule, etwa 4o cm im Geviert und fast zwei Meter hoch, oben ein Dach aus einer Steinplatte. Die Säule auch nur ein Stein – Sandstein? –, das Becken auch. Frisches Wasser, kühl bei dem heißen Tag, wir waschen unsere Gesichter und trinken. Ich halte das Rohr zu, das in die Säule eingelassen ist. „Und?“ „Warte“ – und aus dem vorher das Wasser floß.


der Brunnen in Alt-Vogstburg
 
Nach einigen Minuten quillt Wasser oben unter dem Dach der Säule hervor und läuft außen entlang nach unten. Ach, nun ist die Säule voll mit Wasser, nun läuft es über. Ein Wunder? Na das wohl nicht, aber witzig.
 
Wir radeln weiter, Richtung Oberbergen, rechts der Badberg, ein kahler Berg mit ein paar Büschen. Da oben sieht es kahl und trocken aus, sommerlich verbrannt, kein Weinanbau wie sonst überall hier, vielleicht gut für Ziegen. 

Fast das ganze Kaiserstuhl-Gebirge ist bedeckt mit Weinbau - auch Wald -, berühmte Weine wie Bickensohler, Ihringer,  Oberrottweiler ..., doch da ich (noch?) keinen Wein trinke ... Und die eigenartige Schönheit der Löß-Hohlwege (Fußnote 1) und -hänge mit ihrer südländischen Tier- und Pflanzen-Bevölkerung ... Es soll keinen anderen Platz in Deuschland geben mit solchen südlich-warmen Eigenarten  „... und Biotopen,“  ergänzt Frieda. (Fußnote 3)
 
Obstgärten unten am Hang des Berges, ein kleiner Parkplatz. Ein Weg bis an den Fuß des Berges, nur ein paar dutzend Meter von der staubigen Starße aus, eine Höhle?, ein längliches betoniertes Becken vor der kleinen Höhle und ... „ja, hier ist das Badloch, im Becken machen die Leute Wassertreten nach Kneipp.“
 
Sorgsam gehen wir an die Höhlenöffnung ran, ein viereckiges betoniertes Loch, ein Bächlein fließt aus der Höhle, etwas Gemauertes um das Wasser aufzufangen und in das Betonbecken zu leiten, „fühle mal das Wasser!“ Es ist warm, nicht heiß aber angenehm warm. „Komm, wir ziehen uns aus und gehen hinein, in die Höhle und setzen uns zusammen ins Wasser.“ 


 das Badloch, Frieda´s Kleid und Wäsche

 der Text auf der Tafel:
HALTE LEIB UND SEELE REIN
1926
GEMEINDE OBERBERGEN

dieses Foto der Quelle fand ich im Internet
ich bitte, es hier stehen zu lassen,
 so fein kann ich es nicht malen

  
Meine seelische Stimmung ändert sich, ich war noch nie in einer Höhle. Meine Sinne erleben das hier anders ... im Innern des Berges, umschlossen, gefangen. Ich war wirklich noch nie in einer Höhle, es ist nicht dunkel, das Grüne draußen ist durch den Eingang gut zu sehen. Doch dämmrig. 
 
In wenigen Zentimetern Wassertiefe Kies und glatter Fels und kleine Tiere am Grund, „Unken, Gelbbauchunken“. Sehen etwas aus wie kleine Kröten, und wenn sie sich gestört fühlen, schmeißen sie sich auf den Rücken und zeigen ihren gelb gefleckten Bauch. Das soll andere Wesen erschrecken – ist ja auch die von Wespen genutzte Warnmusterung.
 
Da ist die Quelle: eine tiefes Loch im Berg, aus dem das Wasser langsam herauskommt. Vor dem Eingang der Höhle gibt es Farne und andere Kräuter, doch innen ist es kahl. 
 
Meine Sinne sind glasklar, doch es ist anders hier als ich dachte. Meine Sinne sind anders als sonst, ist das noch das Badloch? Ich spüre ein paar besondere, große, seltsame Schmetterlinge – schwarz mit dünn hellblau umrandeten Flügeln – sie flattern weich und leise um uns herum und scheinen uns zu prüfen. Langsam fliegen Fledermäuse umher – wir stören sie nicht. Unter uns scheint ein schwaches blaues Licht, als ob dort eine andere helle Welt aus dem Wasser schiene. Nur ab und zu werden die Sinne alltäglich, vorübergehend, dann bin ich wieder hier in der Höhle, sind die Schmetterlinge wieder hier.
 
Es duftet ganz leicht nach Pflanzen und reinem Wasser, wir tauchen ganz ins Wasser ein, und nun duften unsere Körper ebenso. Es ist so still wie ganz tief in der Erde, vielleicht wie ganz tief in einem ruhigen, schlafenden Mutterleib, wir sind zuhause.
 
Frieda und ich sind sowohl Frau und Mutter und Mann als auch Kinder, die tief in diesem Bergleib ruhen.
 
Langsam gehen wir noch tiefer hinein, es wird wärmer und nicht dunkler. Es wird geräumiger, eine große Höhle. Wir gehen sehr langsam und vorsichtig – um nicht andere Lebewesen zu erschrecken, die hier sein mögen
die Unken und andere.
 
Frieda fasst meine Hand, sie sagt „nun mußt du dich eng an mich halten, ich muß dich schützen. Als Mann allein wäre es zu schwer. Und du mußt mich auch schützen, denn als Frau allein ist es auch sehr schwer.“ Hier steht das Wasser und es ist ganz still. Es ist so still, daß nur noch die Geräusche aus dem Körper leise zu hören sind, auch als leichtes, rauschendes Echo an der Felswand.
 
Wir bleiben stehen. Da ist eine Sandbank, und wir steigen hinauf. Aus ein paar Steinen wurde mal eine alte Feuerstelle gelegt, und Überreste von einem kleinen Feuer sind da.
„Wir wollen ein kleines Fest feiern“ sagt Frieda, irgendwie kann sie ein Feuerchen anzünden. Es ist violett und wirklich kaum größer als eine große Blume.
 
„Laß von diesem Wasser etwas über meinen Körper fließen, dann werde ich wie ein Wasserwesen.“ Und sie träufelt ein paar Tropfen auch über meinen Leib und streicht die nassen Stellen ganz sanft mit zwei Fingern.
 
„Trink von diesem Wasser, hier ist es ganz besonders“, und wir beide nippen etwas davon. – „Und iss etwas von diesem Kraut, und alles wird noch heller und klarer.“ – „Nun berühre meinen Körper, und deine Hände werden ganz fühlsam, ganz empfindsam.“ – „Und nun rieche an meinem Körper, überall, wo es schön ist, und alles in dieser Quellhöhle duftet nach mir. Und ich höre und fühle und rieche dich, und für mich ist diese ganze Höhle erfüllt von dir.“
 Diese ganze Höhle ist erfüllt von dir und von mir.
   

Wir sitzen nackt auf dem Sand, und Frieda zeigt mir, wie ich mir vorstelle, wie ein Lichtstrahl unten aus meinem Körper nach unten hinausstrahlt in den Sand, in die Tiefen unter mir ausstrahlt. Ihr ergeht es ebenso. Und dann sagt sie, „atme leise und fühle, wie der Strahl beim Ausatmen tief in die Erde eindringt, und wie er beim Einatmen wieder zurückkehrt, wieder in deinem Körper ist. Er bringt etwas von der tiefen Dunkelheit, von der dunklen Unendlichkeit mit, das ist Heimat, weibliche Heimat.“

Dann sagt sie das vom Atmen: „der Atem fließt leise und duftend in deine Nase, und duftend zieht er tiefer und erfüllt deine Brust, ganz. Nun fühlst du dich voller Leben. Und dann läßt du ihn wieder los, du erschlaffst, der Duft ist weniger geworden, deine Brust ist leer. Es ist wie Sterben, ausatmen ist ein ganz kleiner Tod.“

Dann vom Hören: „leise, leise fließt das Wasser, laß diesen beweglichen Laut in deine Ohren hinein, laß sie hineintröpfeln, hineinfließen in die Tiefen deines Kopfes. Dort hörst du das alles.“ Und tief im Kopf fließt der Fluß, ganz leise und für sich.

„Du hörst meine Stimme, sie ist hell und fein, nimm sie ganz auf und laß sie tief in dich hineinsinken. Du freust dich, meine Stimme zu hören, sie ist dir sehr nah und verwandt. Sie ist ein Teil von dir. – So ist es nun auch mit mir: ich höre deine rauhe und doch weiche tiefe Stimme und genieße sie, es gibt keine schönere Stimme. Sie dringt tief in mein Hören, summt in meiner Brust, in meinem Unterkörper. Sie erregt ein Schwingen in mir, sie schwingt brummend dort, wo der Strahl aus mir in die Erde hinabstrahlt.“

„Nun tasten wir unsere Körper an, streicheln langsam an ihnen entlang, wir berühren sie nicht einmal, halten die Hände einen Finger breit im Abstand von der Haut.“ Ich fühle die Kraft, die aus Frieda´s Körper in meine Hände strahlt, und ich fühle auch, wie meine Hände etwas ausstrahlen und ihre Haut das aufnimmt. Langsam umfahren wir so unsere Körper, mal den eigenen, mal den anderen.

Alle Sinne sind lebendig, spüren, sind weich und aufmerksam. Wie ich eine Hand in der Nähe ihres Herzens hebe, durchwärmt es den Körper und es kommt eine große Freude über mich. Wir halten unsere Hand gegenseitig vor das Herz. Die Herzen beginnen heftig und laut an zu schlagen und wir müssen tief atmen.

Nun verbeugen wir uns tief voreinander und begrüßen die Frau in dir, den Mann in dir.

Frieda legt meine linke Handfläche ganz tief vor ihren Unterleib und sagt, „laß ganz leichte und weiche Lichtstrahlen aus deiner Hand in mich strömen“, und sie tut es auch mit mir. So bleiben wir lange Zeit. Unser Atem geht ganz leicht, ohne Anstrengung. Unsere Körper fühlen sich so leicht und frei an, ganz hingegeben, ganz hingegeben dem anderen Körper, der da vor mir sitzt, ganz hingegeben der anderen Hand, die mich berührt und Strahlen aussendet.

Später nimmt sie meine Hand und hält sie vor die Mitte ihrer Brust und läßt sie dort liegen – mit tiefer Liebe fühle ich ihr Herz, fühle die Schönheit ihrer Brüste, die Weichheit ihrer Haut. Frieda legt ihre Hand an meine Brust, sie sagt, „dein Herz ist so stark, deine Muskeln sind so stark, dein Atem ist stark und ruhig und ganz männlich – mein Atem ist weiblich, merkst du es? Fühlst du das Weib in mir? Fühlst du wie das Weibliche, die Erde, die Mutter in mir bebt?“

„Und fühlst du die Männlichkeit in dir? Das ist viel schwerer,“ sagt sie, „ein Mann ist so allein, er hat nicht die Nähe zur Mutter, zur Erde, zur Schöpfung wie eine Frau sie hat. – Doch deine Männlichkeit strahlt aus dem Herzen aus, und aus deinem Lingam, der sich danach sehnt, in meiner Yoni zuhause anzukommen, sich meinem Leib mitzuteilen, in meinen Leib einzusinken.“

„Ich spüre den Mann in dir, wie er aus dem Herz, aus dem Lingam, auch aus dem Ajna, aus dem Dritten Auge in mich strömt, ja eindringt. Ich gebe mich diesem starken Eindringen und Strahlen und Strömen hin. Ich brauche deine Strahlen, sie machen mich ganz zur Frau – und dein Geben macht dich erst richtig zum Mann.“

So sitzen wir eine Weile, langsam legt Frieda ihre Schenkel um meinen Unterleib, umschlingt meinen Leib, und ich fühle die starken, weichen Schenkel, die Haut, die Bewegung, das Beben, die Lebendigkeit ... so sitzen unsere Körper einander gegenüber, Frieda´s Leib sitzt auf meinen untergeschlagenen Schenkeln. ... wir rücken einander immer näher. Erst ganz unten, spüren nur die Haare aneinander, Frieda lädt meinen Lingam ein, tief in ihren Leib hineinzukommen, in die Wärme und dunkle Weichheit, umfaßt ihn mit dem dunklen Raum ihres liebenden Leibes. Wir bewegen uns ganz wenig, gerade so viel um uns zu spüren. Wir sind sehr langsam – wie Meditierer, und wir sind Meditierer.

Hier schreibe ich aus dem Erinnern: es sind keine Gedanken mehr, nur Wahrnehmen, offene Sinne, Beobachten, Stille in mir, Einheit auch, ein riesengroßer Raum, unendlich ...

Langsam, langsam legen wir die Unterleibe, die ganzen Körper aneinander
spüren, wie Wärme und Liebe und Kraft und Licht hin und her strahlen, von ihr zu mir, von mir zu ihr – zwischen unseren Körpern. Es ist kühl, es ist wie ein kühles Feuer in uns und um uns herum – Feuer, brennend aber kühl, nicht heiß. Das Licht der Höhle ist blau, wie aus allen Ecken kommend. Ganz leicht fließt das Wasser um uns herum, und der Laut des Fließen´s fließt auch in unseren Körpern.

Wir fühlen uns nun endlich Eins mit dem eigenen Körper, ja sogar mit dem anderen Körper. Wir fühlen uns Eins mit der ganzen Höhle, mit dem ganzen Berg, der ganzen Welt. Wir sind Eins mit allem.

Draußen muß es Nacht sein, aber hier in der Höhle, bei uns, ist das Licht so geblieben wie am Anfang, hellblau ohne Herkunft oder Richtung. Diese Stille in uns ...

Nach langer, langer Zeit läßt Frieda ihren Körper von meinem. Wir liebkosen unsere Körper, unsere Haut, unsere Yoni und Lingam, unsere Gesichter, ganz leicht mit zarten Händen und zarten Stimmen. Zarte Stimmen hören wir nun auch von weit draußen: Nachtvögel singen zart. Langsam steigen wir ins Wasser, tauchen tief ein und genießen wie das Wasser unsere Körper umgibt.
 

Draußen vor der Höhle stehen zwei junge Leute und sehen bewundernd unsere Kleider an, die wir über die Rohre neben dem Becken gehängt hatten. Nackt gehen wir hin und ziehen uns an. Frieda zieht ihre Strümpfe hoch und befestigt sie mit den Haltern. Ganz fraulich, anerkannt von den beiden. Sie gehen nun in die Bad-Höhle, vielleicht erleben sie Ähnliches wie wir. Ganz ineinander versunken sind sie, leicht zittern ihre Leiber, nackt, in erregender Erwartung. 

Das Mädchen bückt sich und deht sich um: „habt ihr diesen Stein verloren?“ und zeigt einen blutroten Kiesel. Nein, wir nicht, doch er passt zu Frieda, und nun bekommt sie ihn von der anderen: „der Rote Kiesel“,  „rot ist doch die Farbe der Frauen, die Farbe des Frauenblutes, oder? ... deswegen ...“, und Frieda berührt verlegen ihre Yoni und sieht verliebt zu mir rüber.

 Der Rote Kiesel der Frauen (Fußnote 5)

Über der Höhle steigt ein Pfad den Berg hoch. Oben ist es zwar kahl, aber an manchen seltenen Pflanzen sitzen besondere Tiere, „Schmetterlingshafte“ erklärt Frieda. „Die leben eher weit im Süden.“ Wir sehen Orchideen und Orobranche. Wir hatten in einer Vorlesung gehört, daß Orobranche am ehesten an Vulkanabhängen wächst, der Botanik-Professor Oelkers meinte, er kenne sie vom Ätna und zeigte uns ein Foto. Diese Kräuter sehen etwas aus wie Orchideen und sind blaß, ohne Grün – „sie leben parasitisch, bekommen ihre Nahrung aus anderen Pflanzen,“ sagt Oelkers.

Auf dem Berg singen viele Lerchen ... auch mein Leib zittert leise, noch immer, er möchte wieder nackend sein und sich und die Welt erfühlen, ganz in ihr aufgehen
– wir legen uns in die Sonne, Licht, Wärme, Erdzittern in den Leibern.

Auf einem kahlen Ast sitzt ein Vogelpärchen,  wundersame Tierchen: lange, spitze Krummschnäbel, blau und bunt wie Eisvögel, doch schlank wie Schwalben, ihr Anblick holt mich zurück ins Jetzt, ich bin wieder angekommen, „Bienenfresser,“ sagt Frieda ganz wissenschaftlich, „Merops apiaster“. Das muß es wohl sein, um wieder auf die Welt zu kommen, Bienenfresser, ha, ha.

Irgendwo sehen wir über den Rhein und auf die Vogesen. Frankreich. Das erinnert mich an den französischen Chansonnier Georges Brassens, dessen Lieder bei meinen Eltern neben dem Grammophonschrank liegen: „La Chasse Aux Papillons“  und andere. Doch leider kann ich die Sprache nicht und habe mir eine deutsche Übersetzung machen lassen (Fußnote 6).

 
Später nehmen wir unsere Fahrräder. Ich schwärme, „Komm lass uns mal nach Oberbergen reinfahren, davon erzählen meine Eltern, haben da mal Urlaub gemacht und bestellen sich immer noch Wein von dort. Ich glaube, sie haben eher den Wein genossen als die Schmetterlingshafte auf dem Badberg gesucht, oder die warme Quelle.“

„Obwohl meinem Vater die Quelle bestimmt gut getan hat, er hat doch einen sehr verletzten Fuß von einem Autounfall.“ Die haben dort einen fantasievollen Kirchturm: ganz bunt, „fast schon kitschig,“ sagt Frieda. In sehr großer Ordnung sind da etwa 120 Kreuze auf dem Turmdach verteilt. „kitschig?“ – „weil das Kreuz doch ein Gedenken an die Qual, die Jesus erleiden musste, darstellt. Und nun ein Schmuck?“

Durch Wälder und über Berge radeln wir nach Endingen, ein altertümliches Städtchen, liegt eben außerhalb des Kaiserstuhls, am Rande, da ist ein schönes Stadttor, wohl eher als Zierde denn als Wehr geeignet und gedacht. Und wieder ein prächtiger Kirchturm
jede Ortschaft hier stellt sich mit einer eigenen Art von Turm heraus, großen, alten Reichtum andeutend.

Längs führt eine Straße durch, die Hauptstraße, und da sehen wir etwas sehr altes: eine Tankstelle, wie sonst sie nicht mehr zu sehen sind. Am Straßenrand steht die Tanksäule, in Augenhöhe sind da zwei Glaszylinder, auf jedem steht 5l. Weiter unten ein langer Hebel, den man hin und her bewegt um Benzin aus dem Untergrund in einen der Zylinder zu pumpen bis er voll ist. Dann bewegt man einen anderen Hebel, und das Benzin fließt in den Tank des Autos, währenddessen pumpt man den anderen Zylinder voll. Das alles macht die Ladenbesitzerin für den Autofahrer. Die Säule ist gelb-rot angemalt und schon recht alt und verrostet. Das Benzin ist rot eingefärbt.

   So etwa mag die Säule ausgesehen haben, etwa 2 1/2 m hoch,
..stand auf dem Bürgersteig am Rand

Doch die Glaszylinder sind blank, und wir vergleichen sie mit uns beiden, wie wir nebeneinander davor stehen, eng umarmt, fast verschmolzen. Ich weiß, das tut man nicht, doch wir fühlten uns so nahe, daß uns die allgemeinen Sitten nur wenig kümmerten, heute. In jedem Zylinder können wir ein Spiegelbild von uns sehen, wenn wir nahe genug aneinander rücken. Die Aufschrift 5l mag für uns wohl nicht stimmen. Allerdings stinkt das Ganze nach Benzin, und wir fahren weiter.

Das Dorf (oder Städtchen) Riegel am Kaiserstuhl, im mittleren Bild 
seht ihr ganz links die SHELL-Zapfsäule. 
Gefunden im Internet, alte Postkarte (Fußnote 4).

Im nächsten Dorf Riegel steht wieder eine solche Säule, – oder war da in Endingen garkeine und ich habe nach so vielen Jahren die Dinge verwechselt? Hinter dem Dorf Riegel steht um die Hügel-Ecke die Riegel-Brauerei, auch bekannt durch einen Greifenkopf, der in den Kneipen auf den Bierdeckeln erscheint.


 
Etwa so sah der Bierdeckel damals aus, doch ich habe keinen solchen Bierdeckel mehr, und da musste ich das Wappen von Alt-Wiesloch nehmen und ein wenig nach meiner Erinnerung verändern. Darunter der Schriftzug aus neuerer Zeit.



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Fußnoten:
  

2)  über Endingen und den Kaiserstuhl: http://www.mitwelt.org/endingen-am-kaiserstuhl.html .

3)  In den 1970er Jahren begann die Flurbereinigung in Kaiserstuhl und Tuniberg zu "wüten" (im ökologischen Sinne), und der weiteste Teil der alten Lößlandschaft wurde trotz heftiger Proteste der Narurschützer zerstört. Irgendwo lese ich den zaghaften Satz: "ob die Weine dadurch besser geworden sind, ist zu bezweifeln".

4)  eine käufliche Postkarte, gefunden im Internet: http://www.akpool.de/kategorien/25103-ansichtskarten-riegel-kaiserstuhl

5)  Diesen Stein habe ich in Wirklichkeit in Indien gefunden: nahe Khajuraho, Hauptstadt des Tantra.

6) Jemand hat mir eine nicht ganz perfekte Übersetzung gemacht, die ich hier mal abdrucke:
 Parole de La Chasse Aux Papillons von Georges Brassen: 

Im Deutschen bezieht sich das auf "Schmetterlinge im Bauch haben"

Un bon petit diable à la fleur de l'âge
Ein kleines Teufelchen in der Blütezeit seiner Jugend,
La jambe légère et l'oeil polisson
leichtfüßig und verführerisch,
Et la bouche pleine de joyeux ramages
aus vollem Halse zwitschernd,
Allait à la chasse aux papillons
 ging auf Schmetterlingsjagd.

Comme il atteignait l'orée du village
Als er an den Stadtrand kam
Filant sa quenouille, il vit Cendrillon
sah er Aschenputtel beim Spinnen.
Il lui dit : "Bonjour, que Dieu te ménage
Er sagte: „Guten Tag, möge Gott dich beschützen!
J't'emmène à la chasse aux papillons"
 ich nehme dich mit auf die Schmetterlingsjagd."

Cendrillon ravie de quitter sa cage
Aschenputtel war froh mal rauszukommen
Met sa robe neuve et ses botillons
und zog sich ihr neues Kleid und ihre neuen Stiefeletten an,
Et bras d'ssus bras d'ssous vers les frais bocages
und Arm in Arm Richtung Gehölz
Ils vont à la chasse aux papillons
gingen sie auf Schmetterlingsjagd.

Il ne savait pas que sous les ombrages
Er wußte nicht, dass sich im Schatten des Gehölzes
Se cachait l'amour et son aiguillon
die Liebe versteckt hielt, die mit ihrem Stachel
Et qu'il transperçait les coeurs de leur âge
ihre jungen Herzen durchbohrte -
Les coeurs des chasseurs de papillons
 die Herzen der Schmetterlingsjäger. 

Quand il se fit tendre, elle lui dit : "J'présage
Als er zärtlich wurde, sagte sie ihm: „Ich fürchte,
Qu'c'est pas dans les plis de mon cotillon
dass es nicht in den Falten meines Rockes ist,
Ni dans l'échancrure de mon corsage
auch nicht  im Ausschnitt meiner Corsage,
Qu'on va à la chasse aux papillons"
 wo man Schmetterlinge wird jagen können." 

Sur sa bouche en feu qui criait : "Sois sage !"
Inbrünstig schreit sie auf: „ Sei artig!"
Il posa sa bouche en guise de bâillon
Und er setzte er seinen Mund anstelle des Knebels.
Et c'fut l'plus charmant des remue-ménage
Und das war das zauberhafteste Durcheinander.
Qu'on ait vu d'mémoir' de papillon
In der Erinnerung des Schmetterlings,

Un volcan dans l'âme, ils r'vinrent au village
einen Vulkan in der Brust kehrten sie in die Stadt zurück.
En se promettant d'aller des millions
Sie verspachen sich millionenmal,
Des milliards de fois, et mêm' davantage
milliardenmal und sogar noch mehr
Ensemble à la chasse aux papillons
gemeinsam auf Schmetterlingsjagd zu gehen.

Mais tant qu'ils s'aim'ront, tant que les nuages
Aber solange sie sich lieben, solange die Nebel,
Porteurs de chagrins, les épargneront
die Träger des Schmerzes, sie verschonten,
Il f'ra bon voler dans les frais bocages
konnten sie unbeschwert in das Gehölz eilen
Ils f'ront pas la chasse aux papillons
Sie machten/ sie werden…….machen keine Schmetterlingsjagd

Zu hören und zu sehen zum Beispiel hier:
http://www.youtube.com/watch?v=Lw9obKnwpKw&feature=related




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